Partnerschaften: Resonanz, Routine und die Entdeckung des Neuen

Die Frage , welche Form von Partnerschaft überhaupt zeitgemäß ist, hat mich lange beschäftigt. Viele sind jahrelang in einer fixen Beziehung, schweifen Ihren Blick jedoch immer wieder hinaus, um sich anderwertig auch zu präsentieren. J. Bauer hat hier gute psychologische Erklärungen dafür, die mir auch sehr plausibel erscheinen und meine Beobachtungen aus meiner Umgebung wohl bestätigen.

Ausgetauschte Resonanz

Wir gehen mit Menschen in Resonanz, mit manchen mehr und mit manchen weniger bis gar nicht. Mit jemanden in Resonanz zu gehen, ist für uns Menschen eine überaus beglückende Erfahrung. Joachim Bauer beschreibt dies so, dass uns das Gegenüber einen Möglichkeitsraum eröffnet und das in diesen Möglichkeitsraum hineinwachsende Selbst.

Resonanz - die tiefste Sehnsucht des Menschen

Resonanz zu erhalten ist die tiefste Sehnsucht des Menschen. Sie ist neurobiologisch verankert und bildet das Urmotiv für Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Nirgendwo zeigt sich die zauberhafte Wirkung der Resonanz derart intensiv wie in Momenten des Flirts, in Phasen frischer Verliebtheit oder dort, wo zwei Menschen in einer gereiften, glücklichen und oft auch sexuell erfüllten Partnerschaft angekommen sind.

Die Phase der Verliebtheit

Der Zauber der Resonanz ergibt sich aus den durch den Partner phantasierten Möglichkeitsräumen. Verliebte sehen im Gegenüber das, was dieses Gegenüber an sich selbst oft noch gar nicht entdeckt hat. Der Möglichkeitsraum öffnet sich dadurch, dass das Gegenüber sich gegenseitig das beschreiben, was aus dem Anderen - und aus ihnen selbst durch den anderen - noch werden könnte.

Entstehung von Visionen

Diese via Resonanz transportierten Visionen sind alles andere als heiße Luft. Sie inspirieren, sie lassen Kräfte wachsen und Entschlüsse reifen, sie verändern den Anderen und verändern die Biologie der Beteiligten

Oft von kurzer Dauer

Warum gewähren jedoch solche Begegnungen oft nur einer kurzer Halbwertszeit?

Gründe dafür sind zum Beispiel:

Keine Gefühle zulassen können: Zur Liebe gehört nicht nur, dass man jemanden liebt und geliebt wird, sondern auch, dass das Selbst zulassen und annehmen kann, geliebt zu werden.

Resonanzroutine anstatt Resonanz: Psyche & Gehirn des Menschen, raffen sich nur dann zu besonderen Leistungen auf, wenn sich neue, unbekannte Aufgaben stellen und es dabei etwas Besonderes zu gewinnen gibt.

Du bist kein “Anderer” mehr, sondern ein Teil von mir: Dieses Phänomen findet sich bei manchen Paaren bis zur Kariktur ausgeprägt, dies betrifft in Wahrheit alle Paare.

Resonanz in langjährigen Beziehungen und die Entdeckung des Neuen

Die vorangegangenen Beschreibungen erklären auch, warum Paare, die schon sehr lange liiert sind, oftmals den Reiz des Neuen immer wieder suchen. Der langjährige Partner an der Seite ist Routine und Stereotyp geworden und man glaubt ihn zu kennen. Da sich jeder Mensch jedoch im Laufe der Zeit verändert, diese Veränderung vor dem Partner aber meist nicht ausgelebt wird, weil man ihn/ sie ja nicht enttäuschen möchte, gibt es den Reiz des Neuen nebenbei und immer wieder in sein Leben zu ziehen, ohne Ernsthaftigkeit.

Routinen und Stereotype - Gift für die Liebe

Die anfangs einer Beziehung weit geöffneten Türen zu den Möglichkeitsräumen der Selbstentfaltung, sich innerhalb der Partnerschaft mit der Zeit und über die Jahre wieder schließen. Der Irrglaube, der sich einstellt, wenn wir länger in einer Beziehung sind, dass wir den anderen bereits durch und durch kennen. Dies ist eine fatale Annahme und würde es begrüßen, wenn es so wäre, denn dann könnte sich der kleine Ökonom in unserem Gehirn Arbeit ersparen. Menschen bleiben jedoch nie so wie sie waren, denn sie unterliegen einem ständigen inneren Umbauprozess.

Routineresonanzen

Meist unterwerfen sich beide dem Stereotyp, da sie den anderen nicht irritieren und wehtun wollen. Die wechselseitigen Resonanzen jedoch, gelten der Person, die man zu Beginn der Bekanntschaft war. Der dort stattfindende Austausch gilt anstatt bereichernder Resonanzen des so erfüllenden Möglichkeitsraumes, einer weniger, und nicht angehend so bereichernden Routineresonanz.

Die Folge - die Neuerkundung anderer Personen

Was passiert dann meist. Anstatt hier innerhalb der Partnerschaft daran zu arbeiten, beginnt zumindest ein Partner sich im Außen wieder neue Resonanzen zu suchen, die ihm wieder Möglichkeitsräume auftun und er/sie wieder in einem Glückszustand versetzt, die ja auch bald wieder erschöpft sind, wenn auch hier wieder die Routine einkehrt und die drei genannten Gründe für eine kurze Halbwertszeit zutreffen.

Weitere Überlegungen dazu sind

Dies genannte gilt nicht nur für Paare sondern für jede zwischenmenschiche Beziehungen. Stereotype sind Gift für Lebendigkeit und Lebensfreude. Sie rauben uns das Staunen gegenüber dem, was uns begegnet.

Eine Übung: werfen sie einen frischen Blick auf einen anderen Menschen, obwohl sie ihn schon längere Zeit kennen, immer wieder einmal so anzusehen, als würde er/sie uns heute zum ersten Mal begegnen. Die falsche Gewissheit abzulegen, man wisse, mit wem man da zusammenlebe, stattdessen einen Menschen immer wieder einmal ganz neu auf sich wirken zu lassen, über ihn zu staunen und ihm eine völlig neue, vorsichtig abtastende Resonanz zurückzuspiegeln, kann eine von Langeweile oder Frustration geprägte Beziehung wiederbeleben.

KONFLIKTE SIND AUCH CHANCEN

Wir können Konflikte zum Anlass nehmen für eine Überprüfung der zwischenmenschlichen Reaktionsroutinen. Konflikte können sehr bereichernd wirken und man kann sich selbst aber auch den anderen dadurch wieder besser kennenlernen und neu entdecken!

Viel Spass bei der Neuentdeckung des vermeintlich “Erkannten”!

Foto: Dan Gold

Foto: Dan Gold